25 Februar 2010

A Taste For Bitters: Chokebore am 24. Februar 2010 im Festsaal Kreuzberg

Die übliche Floskel zur Band Chokebore geht ungefähr so: Wie kann eine Band aus dem sonnigen Hawaii nur so depressiv klingen? Hallo? Wir reden hier vom Land der Sonne, exotischen Drinks und ferrarifahrenden Privatdetektiven...
Kleine Zeitreise zurück in die Mittneunziger: Als Freund anständiger Gitarrenmusik hatte man es da wirklich nicht leicht. Grunge hatte sich grade mit einer Schrottflinte das Lebenslicht ausgeschossen und Techno war der Sound der Stunde. Bis plötzlich Chokebore auftauchten und auf dem Noiserocklabel Amphetamine Reptile eine überragende Platten („A Taste For Bitters“) veröffentlichten. Vom Grunge hatten Sie die Tempowechsel und Stimmungsschwankungen übernommen, vom AmRep-Sound die knarzenden Gitarren und schräge Rhythmik. Dazu Texte über Einsamkeit, Depression und Langweile, vorgetragen von einem Sänger, der obwohl nicht sonderlich gesangsbegabt, dank Stimmmodulation zu enormen Ausdruck fähig war. Und das im Zeitalter before Autotune... Der Chokebore-Sound war von allem etwas: Posthardcore, Noise, Emo, Hardrock und vor allem düster, so dass der Band schnell das Etikett Sadcore angehängt wurde. Irgendwann zur Jahrtausendwende wurde daraus ein straighter Indirock und die Band verabschiedete sich wenig später. Sänger Troy von Balthazar lebte abwechselnd in Paris und in Berlin und machte sich einen Namen als charmant-schelmischer Adam Green des Lo-Fi-Undergrounds und brach mit dieser Masche reihenweise Frauen- und Männerherzen.



Zu meiner großen Freude wurde dann Ende letzten Jahres von der Band eine Reunion angekündigt. Yippie.... Als ich dann hörte, dass sich die Sinnbus-Jungs der Sache annehmen, war ich noch mehr begeistert... Kann nur gut werden.
Das Konzert im Festsaal Kreuzberg war dementsprechend proppevoll und bestand zu guten Teilen aus älteren Herren und Damen, die die Band schon zu Ihrer Hochzeit vor 15 Jahre erlebt hatten. Dazu der übliche Querschnitt aus Szenehipstern und, ich vermute, den erwähnten gebrochenen Frauen- und Männerherzen.
Als Support wurden Hundreds aus Hamburg verpflichtet und die erwiesen sich als glatter Fehlgriff: Glattgebügelter Pianopop mit Tu-Mir-Nicht-Weh-Appeal und ich musste fortwährend an Loreal- und Du Darfst-Werbung denken, wenn es da nicht ein parr knarzende Laptop-Beats gegeben hätte. Die Sängerin, zwar mit großartiger Stimme gesegnet, erinnerte an den Jazzgesangkurs der Musikschule und fabulierte romantischen Kitsch von zwitschernden Vögeln und Sonnenuntergängen. Wieviel Geld hat Nino Skrotzki als Mitgift hingelegt, um Hundreds mit Sinnbus zu verkuppeln?
Mit dieser Frage im Kopf drängelte ich mich zur Umbaupause in die erste Reihe, um bei Chokebore ganz vorn zu sein. Um mich herum Menschen im Alter 35+. Tut auch mal gut... Und was soll ich sagen: Chokebore spielten ein fantastisches Konzert!! Der Lärm-Pegel erinnerte an selige Amrep-Zeiten und es wurden die dunkel-melancholischen Klassiker genauso gespielt wie losrockende Werke aus der Spätphase der Band. Chokebore wurde ja immer mit diesem Emo-Etikett versehen, aber bei dieser Band ist viel mehr drin. Das Konzert enthielt natürlich deutliche Elemente von Frühneunziger Emo: Sänger Troy lebt die Songs kathartisch aus und seine jodelhafte Stimmmodulation betont insbesondere die Midtempo-Songs besonders. Dazu die beiden Brüder zu seiner Rechten und Linken, die wie schlaksig-hünenhaft Gestalten wirken und ihre Instrumente mit den typisch gebeugten Rücken von Emo-Gitarristen spielen. Aber dennoch sind Chokebore keine Emoband und deren Songs klingen nicht nach Selbstmitleid und Verzweiflung, sondern sind lautstark, kraftvoll und energetisch. Das ist die wahre Kunst dieser Band: Spannung erzeugen durch Brüche aus atmosphärischer Dichte und einem hohen Energielevel und dieses Ergebnis widerrum ironisch brechen mittels charmanten Smalltalk mit dem Publikum und Witzeleien über den depressiven Grundton der Songs.

http://www.myspace.com/chokebore

Kommentare:

Daniel hat gesagt…

Hallo. Ich finde den Mitgift-Gedanken amüsant. Deswegen und weil ja immerhin die Namen hinter den Kulissen bekannt sind und in zwei der bisher drei Einträge Sinnbus erwähnt wurde, muss ich einfach schreiben. Und fragen: Kennen wir uns persönlich?

Alles Gute,
Daniel

Anonym hat gesagt…

haha. ich auch. was für ein scheiß. aber typisch sinnbus. die machen doch alles für geld. dafür sind die doch nu echt mal bekannt.
und wie viel haben chokebore eigentlich fürs abfeiern an dich gezahlt?
alter männerrock, gäääähn.