30 April 2010
Ovo, Nadja, Thrones - Festsaal Kreuzberg, 29.04.2010
Das extensive Gitarrenbrummen hat aber einen anderen Vorteil: Man kann diese ganzen Soundfetischisten endlich einen Vogel zeigen, wenn diese mir wieder erzählen wollen, das der Klang technisch gesehen scheiße ist. Ganz einfach weil sich nicht abschließend klären lässt, ob der brummende, subfrequente Gitarrensound der Unfähigkeit des Soundmannes oder dem künstlerischen Wollen des Gitarristen zuzuschreiben ist. Diese Formen künstlerische Wollen gab es im Festsaal Kreuzberg in drei verschieden Ausprägungen zu begutachten: Ovo, Nadja und Thrones.
Da Bedeutungsschwere und Drone zusammen gehören wie die Faust aufs Auge, musste man sich auch an diesem Abend entsprechend theatralisch einschwingen: Die Djane fuhr den Sound zurück, das Licht wurde gedimmt und eine Person läuft barfuss durch den Saal und kündigt mit zarten Glockenklang das Konzert an. Das hat ein bisschen was von Teeruf-Ritualen japanischer Geishas, aber in Wirklichkeit ist die Person ein 100 Kilo schwerer Typ in schwarzen Rock und Wrestlingmaske, den man Minuten später auf der Bühne als (Stand)-Schlagzeuger der Band Ovo sieht. Der zweite Teil der Band, eine Gitarristin im eleganten schwarzen Schlitzkleid und zerrissenen Netzstrümpfen, steht breitbeiniger auf der Bühne als Courtney Love, trägt ebenfalls eine Maske, bei der man aber nicht genau erkennen kann, ob diese nun den Teufel oder ein Playboybunny darstellen soll. Und sie fällt insbesondere mit ihrem Gesang auf, der zwischen guttural und hysterisch-kreischend alterniert. Musikalisch ist der brummende, sludgige Basssound von Ovo nicht besonders auffallend, aber mit ihrem ästhetischen Konzept fügen sie der unspaßigen Ernsthaftigkeit der Droneszene eine notwendige Portion Selbstironie und Gendercrossing zu.
Von Gendercrossing sind die kanadischen Nadja weit entfernt, aber möglicherweise ist die Aufarbeitung von Geschlechterfragen bei einer Musikrichtung, die sich aus dem Doom und Black Metal entwickelt hat, dann doch zuviel verlangt. Wie bei Ovo wird auch bei Nadja als gemischtes Duo agiert, doch sind hier die Rollen traditionell verteilt: Der Mann spielt Gitarren und manipuliert allerlei technische Gerätschaften und die Frau zupft entrückt den Bass und steht dabei mit dem Rücken zum Publikum (das wäre dann wohl der theatralische Aspekt). Musikalisch aber sind Nadja allen anderen Bands dieses Genres meilenweit voraus und ihre Mischung aus Gitarrendröhnen, Bassbrummen und elektronischem Ambientnoise der ins trancehaft-ätherische hinüberreicht ein absolutes Fingerlecken. Songstrukturen sind hier komplett aufgelöst, es gibt nur noch Soundtexturen und Schichten aus übersteuerten, verzerrten und halligen Gitarren, angereichert mit allerlei Klang- und Noiseschnipsel. Nadja konstruieren klangliche Momentaufnahmen, die scheinbar ins unendliche ausgedehnt werden und deren Wirkung und Dichte mit jeder Sekunde gesteigert wird. Die psychedelische Wirkung auf einen toleranten Zuhörer kann enorm sein und ich war froh eine entspannte Position auf der Festsaal-Couch einnehmen zu können, um Nadjas Musik als offensives Hintergrundrauschen auf mich einwirken zu lassen. Es hat funktioniert.
Nach soviel Spektakel hatte es Thrones naturgemäß schwer. Auch wenn hinter diesem Projekt der Name Joe Preston steht, der nicht nur am wohl besten Melvins-Album „Lysol“ mitgearbeitet hat, sondern auch in anderen Formationen die Welt mit viel abstrakten Noise beschenkte und somit einer der Paten des aktuellen Doomdronehypes ist. Seine Songs waren gut und intensiv, vor allem sehr rhythmisch, aber nach dem nadjaschen Wall Of Dronesound fast schon artig und vorhersehbar. So ergab ich mich meiner schon oben erwähnten ADS und begab mich auf den Heimweg, den Kopf immer noch schwirrend von Sound und Drone.
ÖPNV-Erkennnisse No. 1
PG Lost
28 April 2010
DSDS vs Led Zep vs Blümchen: Pest, Pocken oder Cholera?
Tolle Idee dachten sich ein parr deutsche Stadionrocker und starteten gleichfalls eine Facebook-Kampagne, um den aktuellen DSDS-Sieger, dessen Name ich auch nicht kenne, die Nummer 1 in den deutschen Verkaufscharts streitig zu machen. Abgesehen davon, dass die Methode zur Ermittlung der Verkaufsplatzierung mindestens fragwürdig ist, erscheint der Kandidat der Stadionrocker als echter Witz. Ist es aber nicht. Ausgerechnet Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ wird ins Rennen geschickt. Ein Lied, welches selbst eingefleischten Liebhabern ehrlicher Rockmusik zum Halse raushängen dürfte, auch wenn sie damit intime Erlebnisse ihrer Jugendzeit verbinden. Mal abgesehen davon, das die andere Hälfte der downloadaffinen Musikfreunde die Band nicht mal mehr kennen dürften bzw. schlichtweg egal ist.
Doch gerechterweise hat sich für diese Zielgruppe noch eine andere Alternative formiert und schickt Blümchens Kirmestechnokracher „Boomerang“ als Alternativkandidaten ins Rennen. Ich gebe zu: Auch wenn Blümchen ihre ersten Karriere als konstruiertes Castingprodukt begann und die Songs absoluter Müll sind, hat ihre jugendliche Gutgelauntheit auch bei mir sabbernd-symphatisierend Eindruck hinterlassen und ich erkenne ihr Spätwerk mit Bernd Begemann als durchaus ernstzunehmen an. Trotzdem frage ich entgeistert: Was ist schlimmer? Pest, Cholera oder Pocken?
27 April 2010
Ratz & Rübe: Arbeiten müssen
Und wenn ich mich recht erinnere, fand ich die Rappelkiste immer anstrengend, weil, im Gegensatz zur Sesamstraße, dort alles so unspaßig und grau war. Aber gleichzeitig war ich fasziniert von den beiden Handpuppen, die so fucking cool und widerborstig waren. Deswegen. Ratz und Rübe: Vom Arbeiten müssen...
26 April 2010
The Beginning End Of Now: Papier Tigre am 24. April 2010 im Schokoladen, Berlin
Nachdem mein Tag negativ und mit verqollenen Augen wegen zweisamkeitiger Gefühlsduseleien begann und ich mich danach ärgernd und mühend mit prekären Tätigkeiten herumschlagen musste, während andere Menschen meines Alters in der Sonne oder auf dem Fußballplatz herumtollten, endete der Tag, wem sei Dank, dann doch in großer Euphorie, denn ich sah die wunderbare Band Papier Tigre im Schokoladen.Wer die Band noch nicht kennt stelle sich ein gutes Stück experimentellen Wahnsinns aus schräger Gemütslage und frickligen Gitarrenkrach vor. Drei Menschen ausgerüstet mit Gitarren und Schlagzeug, die ständig zwischen rasiermesserscharfen Gitarrenminimalismus und naturgewaltigen Explosionen pendelten. Man könnte es fast Post-Hardcore nennen, wenn dieser Begriff nicht so unpassend wäre, aber potentielle Fans stellen sich jetzt bitte vor: frühe Fugazi, Big Black, Liars und Q And Not U zusammengeschüttelt, mit Komplexität, Leidenschaft und tribalistischen Drums angereichert und mit einem Hang für feine Melodien ausgeteilt.
Das die Band ohne Bass auskommt ist dabei nur eine kleine Anekdote am Rande. Fällt nämlich gar nicht auf, weil beide Gitaristen so geschickt mit- und gegeneinander spielen, dass alle Rockbassisten jetzt Angst um ihre Zukunft haben müssten.
Austesten: http://www.myspace.com/papiertigre
Probieren: http://www.mediafire.com/file/zhmummhdmay/The Beginning And End Of Now.rar
23 März 2010
Michael Hardt: Common Wealth im Streitraum Schaubühne, 21.03.2010

Crisis? What Crisis?, fragt man sich manchmal, wenn man sich die Alltagswelt betrachtet. Trotz globaler Finanz- und Wirtschaftskrise werden kaum ernstzunehmende Alternativen formuliert und die von den Herrschenden lauthals verkündete Beschneidung der Finanzmärkte ist schon nach den ersten Anläufen stecken geblieben. Auch andere Instrumente wie Abwrackprämie und Kurzarbeitergeld, haben nichts mit alternativer Politik zu tun, denn sie dienen nur dem Erhalt überkommender Strukturen. Doch die Ansicht, das nur der Staat die Sache richten kann, ist auch im linken Millieu weit verbreitet und man fordert Investitionsprogramme oder Verstaatlichung. Ein ganz anderes Konzept dagegen wird von den linken Vorzeigeintellektuellen Antonio Negri und Michael Hardt vertreten. Die plädieren in ihrem neuen Buch „Common Wealth“ nämlich für die Selbstorganisation und liefern gleichzeitig den fundiert ökonomischen und soziologischen Unterbau dazu.
In der Reihe Streitraum an der Berliner Schaubühne hatte Michael Hardt die Möglichkeit seine Thesen vorzustellen: Das Gemeineigentum muss gestärkt werden und er meinte damit sind nicht nur materielle Dinge wie Wasser, Luft und Natur, sondern insbesondere Ideen, Wissen und Information. Erst wenn die starre Verbindung von Privateigentum und Information aufgelöst und Wissen und soziale Handlungen frei geteilt werden können, werden sich die Potenziale der immaterialen Güter voll entfalten und zu einer gerechten „Demokratie der Multitude“ entwickeln. Also fordern Hardt/Negri den freien Zugang zu Information und Wissen, und das alle immateriellen Güter grundsätzlich und bedingungslos der Allgemeinheit zu Gute kommen.
Der klassischen Linken wird die Theorie vom „Common Wealth“ und insbesondere die Idee der Selbstermächtigung nicht schmecken, geht man hier doch immer noch von Klassengegensätzen aus. Aber grade im Zusammenhang von „Empire“ und „Multitude“, den beiden anderen viel diskutierten Theoriekonzepten von Negri/Hardt ist „Common Wealth“ nur folgerichtig. Da sich das Empire als Ausdruck der aktuellen Weltordnung in vielfältiger und flexibler Form zeigt und sich immer den Erscheinungen der Multitude, also der Vielfalt der Subjekte anpasst, es also kein Außen und Innen im Empire gibt, muß jede Politik die sich außerhalb des Empires stellt scheitern. Folgerichtig fordern sie statt einer Revolution der Klassen ein solidarisches Netz von Individuen die gemeinsam entscheiden, in welche Richtung sie gehen.
Zwar lehnt Hardt das klassische Konzept des Klassenkampfs ab, dennoch kam ihm das K-Wort mit Leichtigkeit über die Lippen. Da in der öffentliche Debatte der Kommunismus aber als realsozialistisch gescheiterter Staats- und Wirtschaftdirigismus steht, fordert er eine Rückformulierung auf den ursprünglichen Sinn des Wortes: der Zusammenschluss freier Individuen zur gemeinsamen Organisation der Produktion jenseits von Privateigentum. Und genau wie das K-Wort neu definiert werden muss, fordert er das gleiche für die Begriffe Liebe und Demokratie.
Allerdings Tat tut sich Michael Hardt schwer mit der Frage, wie die Multitude, also die „Singularitäten, die gemeinsam handeln“ in ihrer Vielschichtigkeit und Wandlungsfähigkeit ein gemeinsames Konzept finden können, um „Common Wealth“ umzusetzen. Jeder, der sich beim WG-Plenum schon einmal um einen Putzplan gestritten hat, kann das nachvollziehen. Hardts Gesprächspartnerin Carolin Emcke illustriert die Theorielücke mit dem Bild eines homosexuellen jungen Mannes im Gaza-Streifen der von mindestens drei Hegemonialkräften (Gesellschaft, Klasse, Religion) beherrscht wird. Wie kann diese Person durch das Konzept der Selbstermächtigung Befreiung finden? Etwa in dem es sich mit anderen unterdrückten, aber homophoben Palästinensern verbündet?
Der Pathos und die ethische Größe welche im Konzept des „Common Wealth“ steckt, ist immens. Der radikale Bruch mit linker Denktradition, aber noch viel größer.
09 März 2010
Blisstrain: The Antikaroshi, Wive, Don Vito, Stinking Lizaveta in der fabrik, 6.3.2010

Wie jeder hochfrequente Konzertgänger weiß, sind Indoor-Festivals und Konzertouren heutzutage kein Erlebnis mehr. Für den Konzertbesucher bedeutet das nämlich stundenlanges Warten, Rumstehen, Drängeln und vor allem schlechtes Vorprogramm mit teurem Bier zu überbrücken bis dann endlich die Band/Musiker/Künstler spielt, wegen dem man bei 12 Grad minus die warme Couchdecke verlassen hat... und dieser enttäuscht dann natürlich. Also dachte man sich im Hause Exile On Mainstream, machen wir das Beste draus und lassen fünf unterschiedliche Bands im Zug der Glückseligkeit durchs Land touren und für schmales Geld auf zwei Bühnen nonstop spielen. Erste Station war Potsdam. Die Besucherzahl überschaubar...
The Antikaroshi durften beginnen und ich hab deswegen nur deren letzten Song mitgekriegt. Sehr schade, denn ich mag die Band: Drückender Postpunk mit Mathrock- und Disko-Anteilen, derb-sägende Gitarren und funky Bass. Dann ohne Pause zur anderen Bühne, denn es ist ja ein Nonstop-Show. Wive rekrutieren sich aus ex-Personal der A Whisper In the Dark und musikalisch sind sie da auch nah dran: Artrockig-dunkler Kammermusik-Postrock mit Violine und Klavier und etwas Laptop-Geknirpse. Schluß, Ende und Weiter zur anderen Bühne: Don Vito aus Leipzig die kurzfristig für die nachwuchstechnisch verhinderten Bulbul eingewechselt wurden. Großartiger Minimal-Haudrauf-Noiserock, ein bissel Melt Banana nur ohne den hektischen Kreischgesang. Aber eine schöne Hirndusche nach den etwas schläfrig-gejetlagten Wive. Und wieder nonstop weiter zur andere Bühne zu Stinking Lizaveta. Steve Albini ist Fan, aber mir geht deren angejazzter Heavy-Rock dann doch eher ab. Lies weiter dein Gitarren-Magazin. Wieder zurück zur anderen Bühne und oh Schreck: Dyse spielt gar nicht. Da ist mir wohl das Kleingedruckte auf dem Flyer entgangen...
Fazit. Abwechslungsreicher Abend und kaum ne Pause zum Pinkelngehen oder Bierhohlen. Die Bands von Zuhause deutlich besser als die eingeflogene Importware. Und mit Dyse wäre der Abend noch schöner gewesen...
26 Februar 2010
Entgrenzung und Entscheidung: Les Louise Mitchels im Black Fleck, 25.2.2010

Les Louise Mitchels haben sich nach einer französischen Anarchistin benannt, die für ihre aufrührerischen Aktionen ins Irrenhaus gesteckt wurde. Aber das ist längst nicht die einzigste Referenz, auf die man sich bezieht. Auf der Website der Les Louise Mitchels gibt es ein lange Liste von Einflüssen und da stehen neben den üblichen Verdächtigen wie NoMeansNo, Zappa und Kraftwerk, auch Namen von Intellektuellen und Künstlern von Pierre Bourdieu bis zu George Orwell. Die Selbstverständlichkeit mit der sich die Band auf solche Einflüsse bezieht, hebt sich bemerkenswert von der üblichen Intellektuellenfeindlichkeit im DIY-Untergrund ab, auf dessen Boden sich die Band immerhin schon seit ein parr Jahren bewegt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Les Louise Mitchells hierzulande völlig unbekannt sind, sind doch solche Referenzen das Monopol von Spex und Testcard und dessen Schreiber/innen und Leser/innen verirren sich selten in ein Kellerloch wie das Black Fleck oder Koma F. Und auch ich fühl mich hier ein bissel overdressed.
Mit den festgefahrenen Gewohnheiten des DIY-Ghettos bricht die Band aber auch an anderen Stelle: Die Website kommt statt schwarz und düster mit all seinen niedlich-handgemalten Grafiken und Selfmade-Videos quietschebunt daher. Platten teilt man sich mit Folklore-Orchestern, die Aufnahmen verteilt man freigiebig mittels Download und bei den Live-Auftritten gibt es nicht nur zwei Schlagzeuger, sondern auch einen ständigen Instrumentenwechsel. Gleichzeitig ist man sich der kulturellen Werte bewusst und nutzt die eigene Myspace-Seite zur Kritik an Mediengigant Rupert Murdoch.... Ob bewusst oder unbewusst: Hier ist Auflösung von Grenzen das Konzept und man setzt einen Kontrapunkt zu den allzu oft traditionalistischen und rückwärtsgewandten Ideologien des eigenen DIY-Kosmos. Und das wiederum ermöglicht neue Formen in Ausdruck und Sprache, auch um sich in seiner Bestimmung wiederfinden zu können. Olle Kamellen? Dann check out Ulrich Beck und Christoph Laus Buch "Entgrenzung und Entscheidung".
Musikalisch bringen Les Louise Mitchel einen nervös-frickligen Instrumental-/Mathrock aus Minuteman, NoMeansNo, Lightning Bolt und Valina. Unbedingt austesten! Live auf dem Köpi-Geburtstag am 26. Februar 2010...
www.louisemitchels.free.fr
www.myspace.com/louisemitchels
25 Februar 2010
A Taste For Bitters: Chokebore am 24. Februar 2010 im Festsaal Kreuzberg
Die übliche Floskel zur Band Chokebore geht ungefähr so: Wie kann eine Band aus dem sonnigen Hawaii nur so depressiv klingen? Hallo? Wir reden hier vom Land der Sonne, exotischen Drinks und ferrarifahrenden Privatdetektiven... Kleine Zeitreise zurück in die Mittneunziger: Als Freund anständiger Gitarrenmusik hatte man es da wirklich nicht leicht. Grunge hatte sich grade mit einer Schrottflinte das Lebenslicht ausgeschossen und Techno war der Sound der Stunde. Bis plötzlich Chokebore auftauchten und auf dem Noiserocklabel Amphetamine Reptile eine überragende Platten („A Taste For Bitters“) veröffentlichten. Vom Grunge hatten Sie die Tempowechsel und Stimmungsschwankungen übernommen, vom AmRep-Sound die knarzenden Gitarren und schräge Rhythmik. Dazu Texte über Einsamkeit, Depression und Langweile, vorgetragen von einem Sänger, der obwohl nicht sonderlich gesangsbegabt, dank Stimmmodulation zu enormen Ausdruck fähig war. Und das im Zeitalter before Autotune... Der Chokebore-Sound war von allem etwas: Posthardcore, Noise, Emo, Hardrock und vor allem düster, so dass der Band schnell das Etikett Sadcore angehängt wurde. Irgendwann zur Jahrtausendwende wurde daraus ein straighter Indirock und die Band verabschiedete sich wenig später. Sänger Troy von Balthazar lebte abwechselnd in Paris und in Berlin und machte sich einen Namen als charmant-schelmischer Adam Green des Lo-Fi-Undergrounds und brach mit dieser Masche reihenweise Frauen- und Männerherzen.
Zu meiner großen Freude wurde dann Ende letzten Jahres von der Band eine Reunion angekündigt. Yippie.... Als ich dann hörte, dass sich die Sinnbus-Jungs der Sache annehmen, war ich noch mehr begeistert... Kann nur gut werden.
Das Konzert im Festsaal Kreuzberg war dementsprechend proppevoll und bestand zu guten Teilen aus älteren Herren und Damen, die die Band schon zu Ihrer Hochzeit vor 15 Jahre erlebt hatten. Dazu der übliche Querschnitt aus Szenehipstern und, ich vermute, den erwähnten gebrochenen Frauen- und Männerherzen.
Als Support wurden Hundreds aus Hamburg verpflichtet und die erwiesen sich als glatter Fehlgriff: Glattgebügelter Pianopop mit Tu-Mir-Nicht-Weh-Appeal und ich musste fortwährend an Loreal- und Du Darfst-Werbung denken, wenn es da nicht ein parr knarzende Laptop-Beats gegeben hätte. Die Sängerin, zwar mit großartiger Stimme gesegnet, erinnerte an den Jazzgesangkurs der Musikschule und fabulierte romantischen Kitsch von zwitschernden Vögeln und Sonnenuntergängen. Wieviel Geld hat Nino Skrotzki als Mitgift hingelegt, um Hundreds mit Sinnbus zu verkuppeln?
Mit dieser Frage im Kopf drängelte ich mich zur Umbaupause in die erste Reihe, um bei Chokebore ganz vorn zu sein. Um mich herum Menschen im Alter 35+. Tut auch mal gut... Und was soll ich sagen: Chokebore spielten ein fantastisches Konzert!! Der Lärm-Pegel erinnerte an selige Amrep-Zeiten und es wurden die dunkel-melancholischen Klassiker genauso gespielt wie losrockende Werke aus der Spätphase der Band. Chokebore wurde ja immer mit diesem Emo-Etikett versehen, aber bei dieser Band ist viel mehr drin. Das Konzert enthielt natürlich deutliche Elemente von Frühneunziger Emo: Sänger Troy lebt die Songs kathartisch aus und seine jodelhafte Stimmmodulation betont insbesondere die Midtempo-Songs besonders. Dazu die beiden Brüder zu seiner Rechten und Linken, die wie schlaksig-hünenhaft Gestalten wirken und ihre Instrumente mit den typisch gebeugten Rücken von Emo-Gitarristen spielen. Aber dennoch sind Chokebore keine Emoband und deren Songs klingen nicht nach Selbstmitleid und Verzweiflung, sondern sind lautstark, kraftvoll und energetisch. Das ist die wahre Kunst dieser Band: Spannung erzeugen durch Brüche aus atmosphärischer Dichte und einem hohen Energielevel und dieses Ergebnis widerrum ironisch brechen mittels charmanten Smalltalk mit dem Publikum und Witzeleien über den depressiven Grundton der Songs.
http://www.myspace.com/chokebore
22 Februar 2010
Baustellenparty mit La Stampa + Driver & Driver, 20.Februar 2010, Praterfoyer:
Wann endlich untersuchen ein parr schlaue Köpfe mal, warum es dem Staatsakt-Label immer wieder gelingt, mit seinen Neuveröffentlichungen einen mittelprächtigen medialen Hype zu generieren. Liegt das vielleicht am Referenzrahmen aus Bar 25-Szene-Bohei, Popkultur und ein wenig Sozialkritik, in dem sich Staatsakt tummelt? Möglich. Andere berliner Labels haben da andere Strategien und behaupten ihr öffentliches Standing dank Großmäuligkeit (Louisville) oder Netzwerkeln (Sinnbus). Gelegentlich werden bei Staatsakt ganz gute Platten veröffentlicht werden, auch wenn sich das Label hier und da an Generationsmissverständnissen verhebt (siehe die hormongesteuerten Chuckamuck). Die Artpop-Band La Stampa mitsamt ihrer alternden Szenegesichtern passt da hypetechnisch natürlich wie Arsch auf Eimer und wurde im Vorfeld schon allerortens abgefeiert und runtergenudelt (okay und sein wir ehrlich: Jörg Heisers ex-band Svevo hat Mitte der Neunziger wohl höchstens 300 Platten verkauft...) Nur einer war von dem Hype um die Band unberührt: Das Ordnungsamt Pankow teilte den Veranstaltern des Ballhaus Ost mitten im Soundcheck mit, das mit sofortiger Wirkung alle Veranstaltungen nach 22 Uhr untersagt sind. Das ist für eine medial breit angekündigte Recordreleaseparty eine Hypeband natürlich der Tod. Doch glücklicherweise existiert eine perfekte Szenevernetzung und Co-Veranstalter Ran Huber benötigte genau zwei Telefonanrufe, um als neuen Spielort das Praterfoyer in der Kastanienallee auszudealen. Distinktionstechnisch eine gute Entscheidung, treffen hier doch angesagte Hochkultur (Polesch, Hegemann) auf Touristenkultur (Kastanienallee, Kulturbrauerei) zusammen, und so wurde der Schwäbisierung des Prenzlauer Bergs mal wieder ein subversives Schnippchen geschlagen.
Doch mit dem spontanen Spielortwechsel begannen die Probleme: Das Praterfoyer versprühte rüden Baustellencharme, die Bühne glich der Komfortabilität eines Wohnwagens und die Lichtstimmung erinnerte an einen Bahnhofwartessaal in den Achtziger des letzten Jahrtausends. Dazu ein blecherner, katastrophaler Sound und so bekam der Abend schnell den Gestus einer improvisierten Probegroßraumparty mit gutangezogenen Szenepeople. Dieses Setting hatte die Band La Stampa nun wirklich nicht verdient, denn auf Platte klingt ihr schräger Artwavepop sehr frisch und attraktiv, im Baustellenambiente des Praterfoyers erinnerten sie jedoch stark an eine fahrig-unbedarfte Kunstschul-Coverband welche die Hits von Devo, Magazine und Josef K möglichst stilecht interpretieren wollte. Die feinen, glitzernden Unterschiede im Sound, die man auf ihrer Debüt-Platte „Pictures Never Stop“ vernimmt, die Wiederaneignung des New Wave unter dem Vorzeichen der 2010er Jahre und die lässige Verspieltheit samt ironisch-melancholischer Auswüchse kamen heute völlig abhanden. Die Band war sichtlich froh, als sie nach der Zugabe (peinlich, weil völlig ironiefrei: „All tThe Things She Said“) die improvisierte Bühne verlassen durften. Der Co-Veranstalter verabreichte zum Trost Wodka aus Plastikbechern und man hätte der Band noch viele Auftritte in kleinem Rahmen gewünscht, bevor sie ihre Karriere auf so unnachahmliche Weise versauen.
Driver&Driver - Umtausch Sofort!
Driver&Driver | MySpace Musikvideos
Aber wie sich herausstellte, war dass, was als Höhepunkt des Abends angekündigt war, nur der Beginn, denn nach La Stampa kamen noch Driver Driver. Das Duo (Patrick Catani und Chris Irmler) fügten sich in den rüden Baustellencharme des Praterfoyers prächtig ein (inzwischen hatte auch jemand die Stecker der Wartesaalbeleuchtung gezogen) und drückten vom ersten Ton aufs Gaspedal. Der prollige Dada-Deichkind-Elektropunk passte so wunderbar zur absurd-kaputt-peinlichen Atmosphäre des Abends, dass das Publikum sofort anfing zu kreischen. Jetzt konnten endlich Hemmungen fallen gelassen und zu Kirmestechno, Garagepunkschlagzeug, Elektrokrach und Dada-Texten wild mitgewippt werden. Chris Irmler trug ein schwarz-rot-goldnes Truckercap nebst Baumwollhemd und hatte zur Erinnerung die Texte auf Plastiktüten geschrieben und diese über sein Schlagzeug gehängt. Sänger Patrick Catani verschenkte Mon-Cheris an die Damen in der ersten Reihe und füllte die im zugewiesener Rolle als schräg-kaputter Freak mit Freude aus. Und so wurde dank Driver Driver aus dem Abend doch noch eine Feier mit knietiefer Ironie und Fuck-You-Attitüde und dieser ganzen Referenzballast aus Pop- und Kulturkritik wurde dankenswerter Weise über Bord geworfen. Das wäre unter den Vorrausetzungen des Ballhauses Ost wohl nicht passiert....
http://www.myspace.com/driveyouhome
http://www.myspace.com/lastampaberlin