Romain Gavras, Sohn des Filmregisseurs Constantin Costa-Gavras, hatte schon vor zwei Jahre für Aufmerksamkeit gesorgt, als er im Videoclip zum Justice-Song Stress Jugendliche in einer französischen Vorstadt wahllos auf alles eintreten lies was ihnen in den Weg kommt. Die Medienaufmerksamkeit war groß und viele hielten das Video schlicht für eine Marketing-Provokotion. Jetzt hat Gavras für die neue M.I.A.-Single "Born Free" eine Videoclip gedreht, indem US-Soldaten rothaarige Jugendliche verhaften und in sadistischer Art über ein Minenfeld jagen. Das Video ist vor allem abstoßend und shocking und damit genauso provokativ, aber auf eine sehr merkwürdige Art auch lustig. Viel stärker als beim Justice-Clip kommt hier, wenn auch in klischeehafter Art, ein Subtext durch. Die Szenerie erinnert stark an Irak oder Plästina (nur das es dort keine Rothaarigen gibt) und die wahllosen Gewalt der Soldaten beschwört das Klischee von skrupellosen Söldner. Aber dann gibt es in diesem Filmclip auch wieder merkwürdig ironische Momente. Zum Beispiel, als der eben verhaftete rothaarige Teenagerjunge in den Gefangenentransporter gestoßen wird erinnert das eher an eine Simpsons-Szene, die im Schulbus spielt. Und dann tragen fast alle Rothaarigen Nylon-Tracksuits und die Soldaten sehen auch eher aus wie fettleibige, donut-gemästete Polizisten. Welche Intention hatte Gavras also? Politisches Statement? Provokation? Medien-Aufmerksamkeit? M.I.A. selbst sagte dazu, der Clip sei als Kritik an der Anti-Terror-Politik der USA zu verstehen und sie selbst ist bekannt dafür, mit ihrer Symphatie für die tamilische Guerilla offen umzugehen. Aber smart wie M.I.A. ist müsste sie auch wissen, das in der Popkultur selbst die ernstgemeinteste Rebellion immer zur Karikatur wird.
Taking drugs to make music to take drugs to... Als jemand der seine Teenagerjahre in der ostdeutschen Provinz zugebracht hat, habe ich eine gesunde Abscheu gegen Langhaarhippies und deren Vorliebe für Sechzigerjahre-Musik entwickelt. Dieses komplizierte Verhältnis hat sich erst entspannt, als ich die Spacemen 3 entdeckte und über diese Band sehr schnell zu Velvet Underground, Stooges und 13 Floor Elevators fand. Erstaunt stellte ich fest, dass es damals nicht nur lulligen Love&Peace-Brei gab, sondern Musik die wirklich gefährlich war. Die Wooden Shjips aus San Francisco erinnern mich genau an diese Phase. Ihr ästhetischer Anspruch ist tief in den Sechzigern verwurzelt und sie verarbeiten Elemente der Jefferson Airplane und 13 Floor Elevators genauso wie Garagenkrach der Sonics und Stooges, nehmen aber auch Anleihen von Suicide und Spacemen 3. Die Musik der Wooden Shjips ist minimalistisch-repetetiv und lässt kein Klischee des Psychedelic Rock aus, weder die mäandernde Orgel, noch wabbernde Fuzzgitarren, noch die LSD-induzierten Backgroundvisuals. Böse Zungen sagen: Kennst du einen Song, kennst du alle. Stimmt. Aber während andere Bands versuchen, die Gunst des Publikums über wilde Bühnenaktion oder schrille Verkleidung zu gewinnen, spielen die Wooden Shijips stoisch ihre endlos langen Songs mit den immer gleichen schleifenden Bassläufen, pluckernde Drumpatterns und tief-halligen Gesang. Viel zu sagen haben die Herren sowieso nicht und Scheiße sehen sie auch noch aus. Also schließt das Publikum die Augen und geht trotzdem ab. Is this what mind-blowing means? Vorbands an diesem Abend im Festsaal waren Eagle Boston und Moon Duo. Eagle Bosten haben sich ebenfalls der psychedelischen Musik gewidmet, erweitern dies aber ansprechend durch Artschoolpunk-Anleihen. Der niedliche Gesang der Sängerin passte aber nun gar nicht dazu und wirkte sehr deplaziert. Moon Duo waren irgendwie auch ein Witz. Man stelle sich die Wooden Shijps als verkleinertes Ensemble vor (ist ja auch das Nebenprojekt des WS-Gitarristen) nur das die fehlenden Musiker durch Beatbox und Sampler ersetzt werden. Was noch auffiel: Das Rauchverbot in Clubs bedeutet auch, keine bewusstseinserweiternden Substanzen über Inhalationsverfahren einnehmen zu können. Irgendwie schade an diesem Abend....
Das Fusion-Festival ist bekannt dafür, dass die Hauptacts unangekündigt bleiben. Das hat den Vorteil, dass Namedropping-Spacken draußen bleiben und den Nachteil, dass man als Musikfan die besten Sachen verpasst. Am Donnerstagabend gab es als Überraschungsact und nach zehnjähriger Live-Abstinenz Atari Teenage Riot auf der Hangarbühne. Nach Augenzeugenberichten war die Reaktion des Publikums der pure Wahnsinn.... Frittenbude und Egotronic können einpacken.
Bekanntermaßen ist Dronemusic aufgrund der seiner bedeutungsschweren Eintönigkeit nur schwer zu genießen (man erinnere sich an Earth-Song „Gold And Faceted“, der es in 30 Minuten Spielzeit auf genau einen Akkordwechsel bringt). Aber dennoch gibt es wohl keinen anderen Stil aus der unüberschaubaren Anzahl der Subgenres von Punk und Metal, welcher sowohl beim puristischen Fan als auch im intellektuellen Kunstbetrieb für soviel Diskussion sorgt. Die Szene ist zwar klein, die Wirkung aber enorm. So richtig verstanden habe ich die Aufgeregtheit um Dronemusic nie, vielleicht auch weil mir hier zuviel Ernsthaftigkeit drin steckt und ich an einer entwickelten ADS leide (leide?), die es mir schwer macht, die notwendige Konzentration für 60minütiges Gitarrenbrummen aufzubringen.
Das extensive Gitarrenbrummen hat aber einen anderen Vorteil: Man kann diese ganzen Soundfetischisten endlich einen Vogel zeigen, wenn diese mir wieder erzählen wollen, das der Klang technisch gesehen scheiße ist. Ganz einfach weil sich nicht abschließend klären lässt, ob der brummende, subfrequente Gitarrensound der Unfähigkeit des Soundmannes oder dem künstlerischen Wollen des Gitarristen zuzuschreiben ist. Diese Formen künstlerische Wollen gab es im Festsaal Kreuzberg in drei verschieden Ausprägungen zu begutachten: Ovo, Nadja und Thrones.
Da Bedeutungsschwere und Drone zusammen gehören wie die Faust aufs Auge, musste man sich auch an diesem Abend entsprechend theatralisch einschwingen: Die Djane fuhr den Sound zurück, das Licht wurde gedimmt und eine Person läuft barfuss durch den Saal und kündigt mit zarten Glockenklang das Konzert an. Das hat ein bisschen was von Teeruf-Ritualen japanischer Geishas, aber in Wirklichkeit ist die Person ein 100 Kilo schwerer Typ in schwarzen Rock und Wrestlingmaske, den man Minuten später auf der Bühne als (Stand)-Schlagzeuger der Band Ovo sieht. Der zweite Teil der Band, eine Gitarristin im eleganten schwarzen Schlitzkleid und zerrissenen Netzstrümpfen, steht breitbeiniger auf der Bühne als Courtney Love, trägt ebenfalls eine Maske, bei der man aber nicht genau erkennen kann, ob diese nun den Teufel oder ein Playboybunny darstellen soll. Und sie fällt insbesondere mit ihrem Gesang auf, der zwischen guttural und hysterisch-kreischend alterniert. Musikalisch ist der brummende, sludgige Basssound von Ovo nicht besonders auffallend, aber mit ihrem ästhetischen Konzept fügen sie der unspaßigen Ernsthaftigkeit der Droneszene eine notwendige Portion Selbstironie und Gendercrossing zu.
Von Gendercrossing sind die kanadischen Nadja weit entfernt, aber möglicherweise ist die Aufarbeitung von Geschlechterfragen bei einer Musikrichtung, die sich aus dem Doom und Black Metal entwickelt hat, dann doch zuviel verlangt. Wie bei Ovo wird auch bei Nadja als gemischtes Duo agiert, doch sind hier die Rollen traditionell verteilt: Der Mann spielt Gitarren und manipuliert allerlei technische Gerätschaften und die Frau zupft entrückt den Bass und steht dabei mit dem Rücken zum Publikum (das wäre dann wohl der theatralische Aspekt). Musikalisch aber sind Nadja allen anderen Bands dieses Genres meilenweit voraus und ihre Mischung aus Gitarrendröhnen, Bassbrummen und elektronischem Ambientnoise der ins trancehaft-ätherische hinüberreicht ein absolutes Fingerlecken. Songstrukturen sind hier komplett aufgelöst, es gibt nur noch Soundtexturen und Schichten aus übersteuerten, verzerrten und halligen Gitarren, angereichert mit allerlei Klang- und Noiseschnipsel. Nadja konstruieren klangliche Momentaufnahmen, die scheinbar ins unendliche ausgedehnt werden und deren Wirkung und Dichte mit jeder Sekunde gesteigert wird. Die psychedelische Wirkung auf einen toleranten Zuhörer kann enorm sein und ich war froh eine entspannte Position auf der Festsaal-Couch einnehmen zu können, um Nadjas Musik als offensives Hintergrundrauschen auf mich einwirken zu lassen. Es hat funktioniert.
Nach soviel Spektakel hatte es Thrones naturgemäß schwer. Auch wenn hinter diesem Projekt der Name Joe Preston steht, der nicht nur am wohl besten Melvins-Album „Lysol“ mitgearbeitet hat, sondern auch in anderen Formationen die Welt mit viel abstrakten Noise beschenkte und somit einer der Paten des aktuellen Doomdronehypes ist. Seine Songs waren gut und intensiv, vor allem sehr rhythmisch, aber nach dem nadjaschen Wall Of Dronesound fast schon artig und vorhersehbar. So ergab ich mich meiner schon oben erwähnten ADS und begab mich auf den Heimweg, den Kopf immer noch schwirrend von Sound und Drone.
Das neue, großartige PG.LOST-Album "In Never Out" reicht punktgenau vom S-Bahnhof Babelsberg bis zum Kottbuser Tor inkl. zweimal Umsteigen. Die mitgeführte Flasche Bier war schon an der Möckernbrücke alle...
Letztes Jahr zu Weihnachten haben einige frustrierte englische Musikfans eine Facebook-Kampagne losgetreten und Castingshowhasser weltweit aufgefordert, Rage Against Machines „Killing In the Name of Love“ innerhalb einer Woche massenhaft downzuloaden. Ziel war es, dem englischen X-Faktor-Sieger, dessen Namen man mittlerweile auch schon wieder vergessen hat, die sicher geglaubte und prestigeträchtige Weihnachts-Nummer 1 in den Verkaufscharts streitig zu machen. Die Kampagne hat damals wunderbar funktioniert, Rage Against The Machine spendete alle Download-Tantiemen und der X-Faktor-Sieger hatte das Nachsehen, wurde dann aber zum Trost eine Woche später zur Nummer 1. Tolle Idee dachten sich ein parr deutsche Stadionrocker und starteten gleichfalls eine Facebook-Kampagne, um den aktuellen DSDS-Sieger, dessen Name ich auch nicht kenne, die Nummer 1 in den deutschen Verkaufscharts streitig zu machen. Abgesehen davon, dass die Methode zur Ermittlung der Verkaufsplatzierung mindestens fragwürdig ist, erscheint der Kandidat der Stadionrocker als echter Witz. Ist es aber nicht. Ausgerechnet Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ wird ins Rennen geschickt. Ein Lied, welches selbst eingefleischten Liebhabern ehrlicher Rockmusik zum Halse raushängen dürfte, auch wenn sie damit intime Erlebnisse ihrer Jugendzeit verbinden. Mal abgesehen davon, das die andere Hälfte der downloadaffinen Musikfreunde die Band nicht mal mehr kennen dürften bzw. schlichtweg egal ist. Doch gerechterweise hat sich für diese Zielgruppe noch eine andere Alternative formiert und schickt Blümchens Kirmestechnokracher „Boomerang“ als Alternativkandidaten ins Rennen. Ich gebe zu: Auch wenn Blümchen ihre ersten Karriere als konstruiertes Castingprodukt begann und die Songs absoluter Müll sind, hat ihre jugendliche Gutgelauntheit auch bei mir sabbernd-symphatisierend Eindruck hinterlassen und ich erkenne ihr Spätwerk mit Bernd Begemann als durchaus ernstzunehmen an. Trotzdem frage ich entgeistert: Was ist schlimmer? Pest, Cholera oder Pocken?
Ich habe neulich drüber nachgedacht, welche TV-Serien mich als Kind geprägt haben und ob meine Entwicklung anders verlaufen wäre, wenn ich mit Teletubbies und Spongebog groß geworden wäre. Dem Zeitgeist entsprechend waren, als ich klein war, reformpädagogische Kindersendungen angesagt: Sesamstraße und Rappelkiste. Sendungen voller moralischen Eifer, die den Kindern Gedanken an Widerspruch, Gleichheit und Solidarität näher bringen sollten. Die Eltern hassten diese Sendungen, weil dort kleine Kinder öffentlich die Zunge raussteckten und die angesprochenen Themen wegen des kindlichen Nachahmungsdrang die Kids zur sozialistischen Revolution führen würden. Und wenn ich mich recht erinnere, fand ich die Rappelkiste immer anstrengend, weil, im Gegensatz zur Sesamstraße, dort alles so unspaßig und grau war. Aber gleichzeitig war ich fasziniert von den beiden Handpuppen, die so fucking cool und widerborstig waren. Deswegen. Ratz und Rübe: Vom Arbeiten müssen...
Nachdem mein Tag negativ und mit verqollenen Augen wegen zweisamkeitiger Gefühlsduseleien begann und ich mich danach ärgernd und mühend mit prekären Tätigkeiten herumschlagen musste, während andere Menschen meines Alters in der Sonne oder auf dem Fußballplatz herumtollten, endete der Tag, wem sei Dank, dann doch in großer Euphorie, denn ich sah die wunderbare Band Papier Tigre im Schokoladen. Wer die Band noch nicht kennt stelle sich ein gutes Stück experimentellen Wahnsinns aus schräger Gemütslage und frickligen Gitarrenkrach vor. Drei Menschen ausgerüstet mit Gitarren und Schlagzeug, die ständig zwischen rasiermesserscharfen Gitarrenminimalismus und naturgewaltigen Explosionen pendelten. Man könnte es fast Post-Hardcore nennen, wenn dieser Begriff nicht so unpassend wäre, aber potentielle Fans stellen sich jetzt bitte vor: frühe Fugazi, Big Black, Liars und Q And Not U zusammengeschüttelt, mit Komplexität, Leidenschaft und tribalistischen Drums angereichert und mit einem Hang für feine Melodien ausgeteilt. Das die Band ohne Bass auskommt ist dabei nur eine kleine Anekdote am Rande. Fällt nämlich gar nicht auf, weil beide Gitaristen so geschickt mit- und gegeneinander spielen, dass alle Rockbassisten jetzt Angst um ihre Zukunft haben müssten.
Crisis? What Crisis?, fragt man sich manchmal, wenn man sich die Alltagswelt betrachtet. Trotz globaler Finanz- und Wirtschaftskrise werden kaum ernstzunehmende Alternativen formuliert und die von den Herrschenden lauthals verkündete Beschneidung der Finanzmärkte ist schon nach den ersten Anläufen stecken geblieben. Auch andere Instrumente wie Abwrackprämie und Kurzarbeitergeld, haben nichts mit alternativer Politik zu tun, denn sie dienen nur dem Erhalt überkommender Strukturen. Doch die Ansicht, das nur der Staat die Sache richten kann, ist auch im linken Millieu weit verbreitet und man fordert Investitionsprogramme oder Verstaatlichung. Ein ganz anderes Konzept dagegen wird von den linken Vorzeigeintellektuellen Antonio Negri und Michael Hardt vertreten. Die plädieren in ihrem neuen Buch „Common Wealth“ nämlich für die Selbstorganisation und liefern gleichzeitig den fundiert ökonomischen und soziologischen Unterbau dazu. In der Reihe Streitraum an der Berliner Schaubühne hatte Michael Hardt die Möglichkeit seine Thesen vorzustellen: Das Gemeineigentum muss gestärkt werden und er meinte damit sind nicht nur materielle Dinge wie Wasser, Luft und Natur, sondern insbesondere Ideen, Wissen und Information. Erst wenn die starre Verbindung von Privateigentum und Information aufgelöst und Wissen und soziale Handlungen frei geteilt werden können, werden sich die Potenziale der immaterialen Güter voll entfalten und zu einer gerechten „Demokratie der Multitude“ entwickeln. Also fordern Hardt/Negri den freien Zugang zu Information und Wissen, und das alle immateriellen Güter grundsätzlich und bedingungslos der Allgemeinheit zu Gute kommen. Der klassischen Linken wird die Theorie vom „Common Wealth“ und insbesondere die Idee der Selbstermächtigung nicht schmecken, geht man hier doch immer noch von Klassengegensätzen aus. Aber grade im Zusammenhang von „Empire“ und „Multitude“, den beiden anderen viel diskutierten Theoriekonzepten von Negri/Hardt ist „Common Wealth“ nur folgerichtig. Da sich das Empire als Ausdruck der aktuellen Weltordnung in vielfältiger und flexibler Form zeigt und sich immer den Erscheinungen der Multitude, also der Vielfalt der Subjekte anpasst, es also kein Außen und Innen im Empire gibt, muß jede Politik die sich außerhalb des Empires stellt scheitern. Folgerichtig fordern sie statt einer Revolution der Klassen ein solidarisches Netz von Individuen die gemeinsam entscheiden, in welche Richtung sie gehen. Zwar lehnt Hardt das klassische Konzept des Klassenkampfs ab, dennoch kam ihm das K-Wort mit Leichtigkeit über die Lippen. Da in der öffentliche Debatte der Kommunismus aber als realsozialistisch gescheiterter Staats- und Wirtschaftdirigismus steht, fordert er eine Rückformulierung auf den ursprünglichen Sinn des Wortes: der Zusammenschluss freier Individuen zur gemeinsamen Organisation der Produktion jenseits von Privateigentum. Und genau wie das K-Wort neu definiert werden muss, fordert er das gleiche für die Begriffe Liebe und Demokratie. Allerdings Tat tut sich Michael Hardt schwer mit der Frage, wie die Multitude, also die „Singularitäten, die gemeinsam handeln“ in ihrer Vielschichtigkeit und Wandlungsfähigkeit ein gemeinsames Konzept finden können, um „Common Wealth“ umzusetzen. Jeder, der sich beim WG-Plenum schon einmal um einen Putzplan gestritten hat, kann das nachvollziehen. Hardts Gesprächspartnerin Carolin Emcke illustriert die Theorielücke mit dem Bild eines homosexuellen jungen Mannes im Gaza-Streifen der von mindestens drei Hegemonialkräften (Gesellschaft, Klasse, Religion) beherrscht wird. Wie kann diese Person durch das Konzept der Selbstermächtigung Befreiung finden? Etwa in dem es sich mit anderen unterdrückten, aber homophoben Palästinensern verbündet? Der Pathos und die ethische Größe welche im Konzept des „Common Wealth“ steckt, ist immens. Der radikale Bruch mit linker Denktradition, aber noch viel größer.
Wie jeder hochfrequente Konzertgänger weiß, sind Indoor-Festivals und Konzertouren heutzutage kein Erlebnis mehr. Für den Konzertbesucher bedeutet das nämlich stundenlanges Warten, Rumstehen, Drängeln und vor allem schlechtes Vorprogramm mit teurem Bier zu überbrücken bis dann endlich die Band/Musiker/Künstler spielt, wegen dem man bei 12 Grad minus die warme Couchdecke verlassen hat... und dieser enttäuscht dann natürlich. Also dachte man sich im Hause Exile On Mainstream, machen wir das Beste draus und lassen fünf unterschiedliche Bands im Zug der Glückseligkeit durchs Land touren und für schmales Geld auf zwei Bühnen nonstop spielen. Erste Station war Potsdam. Die Besucherzahl überschaubar... The Antikaroshi durften beginnen und ich hab deswegen nur deren letzten Song mitgekriegt. Sehr schade, denn ich mag die Band: Drückender Postpunk mit Mathrock- und Disko-Anteilen, derb-sägende Gitarren und funky Bass. Dann ohne Pause zur anderen Bühne, denn es ist ja ein Nonstop-Show. Wive rekrutieren sich aus ex-Personal der A Whisper In the Dark und musikalisch sind sie da auch nah dran: Artrockig-dunkler Kammermusik-Postrock mit Violine und Klavier und etwas Laptop-Geknirpse. Schluß, Ende und Weiter zur anderen Bühne: Don Vito aus Leipzig die kurzfristig für die nachwuchstechnisch verhinderten Bulbul eingewechselt wurden. Großartiger Minimal-Haudrauf-Noiserock, ein bissel Melt Banana nur ohne den hektischen Kreischgesang. Aber eine schöne Hirndusche nach den etwas schläfrig-gejetlagten Wive. Und wieder nonstop weiter zur andere Bühne zu Stinking Lizaveta. Steve Albini ist Fan, aber mir geht deren angejazzter Heavy-Rock dann doch eher ab. Lies weiter dein Gitarren-Magazin. Wieder zurück zur anderen Bühne und oh Schreck: Dyse spielt gar nicht. Da ist mir wohl das Kleingedruckte auf dem Flyer entgangen... Fazit. Abwechslungsreicher Abend und kaum ne Pause zum Pinkelngehen oder Bierhohlen. Die Bands von Zuhause deutlich besser als die eingeflogene Importware. Und mit Dyse wäre der Abend noch schöner gewesen...